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MENSCH DES JAHRES - Leser wählen Ulrike HaistMENSCH DES JAHRES / Leser wählen Ulrike Haist
"EiGEN-SiNN" macht Kinder stark
Heilpädagogin aus Freudenstadt gibt neues Zuhause mit Familien-Anschluss
Für Ulrike Haist ist ihr Beruf auch Lebensform. Mit ihrem Mann bietet die Heilpädagogin Kindern ein Zuhause mit Familien-Anschluss. Wer in ihre "Villa Sonnenheim" einzieht, ist seelisch belastet und oft auch verhaltensgestört. "EiGEN-SiNN" soll die Kinder wieder stark machen.
Auf dem Kienberg in Freudenstadt weht ein eisiger Wind. "Das Kalte Herz" von Wilhelm Hauff ist hier aufgeführt worden - in Sommer-Theatern vergangener Jahre. Am Sonntag nach Weihnachten ist die Gefühlskälte längst verflogen. Immer wieder heißt es: "Herzlichen Dank", gesprochen von Spaziergängern, die sich an diesem Nachmittag laufend für die "Bredle" bedanken, die Ulrike Haist ihnen über die Feiertage beschert hat. Wie sie das "nebenher" gebacken gekriegt hat, lässt sich nicht einmal mit der schwäbischen Redensart "die schafft für zwei" erklären. Ulrike Haist ist unter anderem Mutter, Therapeutin, Hausfrau, Erzieherin, Team-Leiterin, Dozentin und außerdem im Bereich der Psychotherapie in Weiterbildung.
Wer 19 Kinder in den erweiterten Kreis der Familie aufgenommen hat, muss aufpassen, dass die eigenen nicht zu kurz kommen. Regelmäßige und intensive Kontakte zwischen Eltern und Kindern seien wichtig, erklärt Ulrike Haist in Vorträgen - und das beherzigt sie. Der Spaziergang am Sonntag Nachmittag gehört deshalb zu den Fixpunkten im Familienleben: Ulrike Haist, ihr Mann Hans-Martin und die Töchter Dina, Katharina und Mirijam machen sich mit der Berner Sennenhündin Anna auf den Weg.
So viel Privatsphäre ist selten. Freizeiten der heilpädagogischen Einrichtung "Villa Sonnenheim" werden zum Urlaub für die Töchter und der Familien-Urlaub in Italien zur Freizeit für die Heim-Kinder, deren Eltern in diesem Jahr erstmals mitfahren konnten. "Die meisten Eltern sind so bedürftig wie ihre Kinder", sagt Ulrike Haist. Sie sucht den Kontakt zu ihnen, um sie in die Persönlichkeits-Entwicklung der Kinder einbeziehen zu können.
Ulrike Haist weiß aus eigener Erfahrung, was es heißt, ein "schwieriges Kind" zu sein. "Ich glaube, ich war eine große Herausforderung für meine Familie, für den Kindergarten und für die Schule." Ähnlich wie die meisten ihrer Heim-Kinder stammt sie aus einer "armen Familie". Als viertes Kind kam sie "weder geplant noch erwünscht" zur Welt. Die 45-Jährige sagt das ohne Groll - sie konnte mit ihren Eltern dar-über reden, sich aussprechen.
Ein freundschaftlicher Kontakt ermöglicht Veränderungen. Das hat Ulrike Haist mit den Eltern ihrer Heim-Kinder erfahren - manche können in ihre Familie zurück. Wenn das klappt, freut sich die Heilpädagogin genauso, wie wenn ein Kind sagt, es möchte im "Sonnenheim" bleiben. Ziel ist es, Kinder so stark zu machen, dass sie spüren und entscheiden, was gut für sie ist.
Vertrauen schaffen
Persönliche Stärke entsteht durch "EiGEN-SiNN". Die gleichnamige Stiftung hat Hans-Martin Haist gegründet, um finanzielle Beteiligungen an den heilpädagogischen Einrichtungen sowie der Kinder- und Jugendwerkstatt "EiGEN-SiNN" zu erleichtern. Das soll ihre Zukunft sichern. Die Ämter werden zurückhaltender, wenn es darum geht, in die "Fremd-Erziehung" eines Problem-Kindes zu investieren.
Ulrike Haist merkt an, dass Effizienz und Qualität in Arbeitsbereichen wie ihrem nur schwer bis gar nicht in Geld messbar sind. Wer weiß, ob ein Kind aus einer Familie mit Sucht-Problemen ohne Hilfe drogenabhängig geworden wäre und in der Folge Steuergelder gekostet hätte? Hans-Martin Haist versteht die Kinder- und Jugendwerkstatt als Zukunftsschmiede, die verhindern soll, dass heilpädagogische Arbeit notwendig wird. Seine Frau fürchtet, dass ihr die Arbeit trotzdem nie ausgehen wird. Kinder würden zunehmend mit Reizen überflutet, während die Gesellschaft alle Sicherheit und Halt gebenden Strukturen in Frage stelle, sagt sie und nennt die Religion als Beispiel.
Ulrike Haist hat festgestellt, dass "ihre Kinder" religiöse Angebote auf freiwilliger Basis gerne annehmen. Kinder, die aus zerstrittenen Familien kommen, empfänden beispielsweise Versöhnung als besonders wertvoll, sagt die überzeugte Christin. Religiosität schaffe Rhythmus und Ordnung - und Vertrauen. "Ein Kind, das vertraut, lässt sich führen", sagt die Erzieherin.
Vertrauen muss sich Ulrike Haist in der Spieltherapie über zig Stunden hinweg erarbeiten. Sie versucht zu deuten, was ein Kind ausdrücken möchte, wenn es Monster kämpfen oder ein Auto vielfach verunglücken lässt. Manche geben nicht einmal solche Zeichen, weil sie sich zu sehr schämen -für ihre Eltern, für ihre schulischen Verfehlungen, weil sie stottern, weil sie "einkoten" oder weil sie Gefühle wie Ekel, Hass und Abscheu empfinden. Neben Spielen helfen Bildende Kunst, Musik und Tänze. "In der halben Stunde, in der ein Kind vertieft da-sitzt und malt, in der geschieht so etwas wie Heilung", sagt sie.
Ulrike Haist erlebt aber auch Kinder, die psychisch am Durchdrehen sind. Das sind Grenzerfahrungen, die sie manche Nacht wach liegen lassen - im Haus neben der "Villa", rund um die Uhr rufbereit. Sie und ihr Mann haben sich für diese Nähe entschieden, um ein möglichst familiäres Zuhause bieten zu können. Vieles regelt die Hausfrau "über den Küchentisch", manches Mitarbei-ter-Gespräch führt sie, während sie mit dem Hund Gassi geht. Um den familiären Charakter erhalten zu können, möchte Ulrike Haist das "Sonnenheim" nicht erweitern. Die Außenwohngruppe "i-Tüpfelchen" beschäftigt sie genug. Haists haben sie 1996 eingerichtet, um vier Geschwister aufnehmen zu können, die so zusammenbleiben konnten.
Familiäre Bezugs-Gruppen von zwei bis vier Kindern sind im "Sonnenheim" üblich. Ulrike Haist sagt, Nähe sei Voraussetzung, dass Liebe entstehen kann. Liebe, die auch über Ausraster hinwegsehen lässt.
(Quelle: Südwest Presse 31.12.03)
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